 | |
Ein Dokument ja - aber eine gute Literaturverfilmung ?
• • • • • (bewertet mit 4 von 5 Punkten)
Es ist nicht leicht, die Qualität des Films zu beurteilen. Immerhin liegen weit über 60 Jahre zwischen seiner Veröffentlichung und heute.
Wer wie ich die Storm-Novelle seit der ersten, wie bei fast jedem meist "erzwungenen" Lektüre in der Schule lieben gelernt und immer mal wieder gelesen hat, hat natürlich auch seine eigenen Bilder im Kopf. Wer zudem eine gewisse Schwäche für den friesischen Menschenschlag, das flache Land zwischen den Meeren und den "Blanken Hans" im besonderen hat, den dürfte eine Verfilmung, egal von wem auch immer, nur schwer zufrieden stellen können.
Das Thema eignete sich zur Zeit seiner ersten filmischen Umsetzung perfekt als Propagandamittel. Und so steht im Mittelpunkt die Figur des Hauke Haien nicht als der stormsche Sonderling, der mit Vernunft versucht gegen Aberglauben, Unwissenheit und überkommene Traditionen auf einem neuen Weg zu erreichen, was vor ihm in Jahrhunderten niemandem wirklich gelang, nämlich dem Meer dauerhaft Land abzugewinnen. Vielmehr stellt der von dem in den 30er Jahren beliebten Schauspieler Mathias Wiemann gespielte Hauke Haien den Typus des einsamen Führers dar, der von einer Vision getrieben unbeirrt seinen Weg bis zum Schluß geht, auch wenn es für ihn den Untergang bedeutet. Mehr noch : Hauke Haien kämpft nicht nur gegen die alten Zöpfe und das Meer wie bei Storm. Er kämpft gegen die erdrückende Überlegenheit und Übermacht eine nahzu unbesiegbaren Gegeners. Die Parallelen zum "Führer" des damaligen deutschen Reiches könnten deutlicher nicht sein.
Ähnlich wie auch in den großen Propagandafilmen des 3.Reiches wechseln die Bilder einer schon fast verlorenen heilen Welt (hier die folkloristischen Szenen) mit mystizierenden Bildern von der Einsamkeit des Protagonisten, den fast schon fanatischen Kämpfen gegen seine Widersacher und der immer wieder wie in einem Dokumentarfilm dargestellten düster-grauen Naturgewalt des Meeres.
Eigentlich jagt mir der Film Schauer über den Rücken, denn er läßt eine längst vergangene Zeit auf eigentümlich beklemmende Weise wieder auferstehen. Und die technischen Mängel gereichen dem Film letztlich sogar zum Vorteil, denn sie schaffen erst jene Distanz des Betrachters der Jetzt-Zeit zu diesem Film, die es erlaubt, sich von diesem Film einspinnen zu lassen. Daher auch die 4 Sterne für dieses "Gänsehaut-Gefühl".
Das Buch ist letztlich nur mäßig gut umgesetzt worden, denn zu viel bleibt auf der Strecke, wird dem propagandistischen Zweck geopfert.
Die spätere Verfilmung mit John Philip Law als Hauke Haien ist anders angelegt und widmet sich mehr der Entwicklung der einzelnen Charaktere. Aber ihr fehlt dafür jeglicher Zauber dieser herrlichen Geschichte, so dass sie eigentlich noch hinter den alten Film aus der NS-Zeit zurückfällt.
Fazit : Der Film mit Mathias Wiemann und Marianne Hoppe ist ein durchaus interessantes filmisches Dokument, das in gewisser Weise sogar beeindruckt, wenn man berücksichtigt, was das eigentliche Ziel des Films war und wie dieses umgesetzt wurde.
Eine Rezension von Schimmelreiter "2605gemini" Berlin
vom 27. Dez. 2005
|