Klaviersonaten 21 & 29 (
von Michael Korstick, Ludwig Van Beethoven


 
Kompromißlos
• • • • •   (bewertet mit 5 von 5 Punkten)

Der deutsche Pianist Michael Korstick hatte vor einigen Jahren in relativ spätem Alter sein CD-Debüt gegeben, welches verdientermaßen viel Aufmerksamkeit erregte. Schon damals hatte er sich Beethoven zugewandt und dessen drei letzte Klaviersonaten eingespielt. Nach Ausflügen in das romantische (Chopin, Liszt, Schumann) und russische Repertoire war es eine Zeitlang ruhig um Korstick geworden; nun legt er wieder eine Einspielung mit zwei zentralen Klaviersonaten Ludwig van Beethovens vor: die Nr. 21 (&bdquoWaldstein") und Nr. 29 (&bdquoHammerklavier").

Gleich in den ersten Takten der Waldstein-Sonate kann man erkennen, daß hier ein Pianist am Flügel sitzt, der keine Kompromisse eingeht. Zunächst hält er sich, ähnlich wie Pollini (DG), strikt an Beethovens extrem schnelle Metronom-Vorgabe. Dieses rasante Tempo führt jedoch nicht zu einem Verlust an Detailtreue - im Gegenteil: Mit welcher Akribie der Deutsche hier auch die kleinste Anweisung des Komponisten in Sachen Dynamik oder Phrasierung umsetzt, ist beispielhaft. Dabei schreckt er nicht vor wuchtigen Akzentuierungen zurück, die jedoch immer hervorragend in die Struktur des Satzes eingebunden sind. Sein Spiel erhält dadurch einen fast soghaften Vorwärtsdrang, der pianistisch mit einer sensationellen Transparenz umgesetzt wird. Im zweiten Satz beweist Korstick, daß er durchaus auch zu kontemplativer Ruhe und feiner Abschattierungen seines Anschlags fähig ist. Der Schlußsatz besticht wieder mit einer Mischung aus Präsenz und Energie - Korsticks unglaubliche manuelle Kontrolle ermöglicht es ihm, auch bei hoher Beanspruchung den Notensatz nie verschwimmen zu lassen und einen Eindruck von Zielgerichtetheit hervorzurufen, der in den Bann zieht. Durch einen gekonnten Umgang mit der dynamischen Bandbreite des Konzertflügels und feiner Phrasierungsarbeit wirkt das angeschlagene Tempo dennoch nicht überhastet.

Die folgende Sonate op. 106 mit dem Beinamen &bdquoHammerklavier" wird von vielen Pianisten aufgrund ihrer Schwierigkeit und Länge auch als der &bdquoMount Everest" der Klaviersonaten bezeichnet. Fraglos ist diese Sonate in ihrer Kombination von musikalischer Komplexität und technischen Herausforderungen einzigartig. Sie ist auch eine der wenigen, denen der Komponist Metronom-Angaben beigefügt hat - was seit langem für Kontroversen geführt hat: So ist das Tempo des ersten Satzes unglaublich schnell und wird so von keinem Pianisten eingehalten - bis auf Korstick. Der Deutsche bewältigt diesen Satz in rekordverdächtigen 9 Minuten, wo andere 13 (Barenboim, EMI), 12 (Gilels, Brilliant) oder um die 11 Minuten (Perl/Arte Nova; Demidenko/AGPL) benötigen. Der Beweis der Spielbarkeit ist damit zweifellos erbracht, ebenso der Nachweis, daß Korstick über phänomenale technische Möglichkeiten verfügt. Ob dies auch musikalisch überzeugt, ist eine andere Frage - die Korstick, wie man im Booklet nachlesen kann, für sich positiv beantwortet hat. Beethoven selbst war bei der Komposition der Sonate schon taub und konnte somit seine Tempi nicht mehr selbst auf ihre Durchführbarkeit überprüfen. Auf er anderen Seite stellt sich hier, wie Korstick richtigerweise anmerkt, auch die Frage nach Hörgewohnheiten, die sich im Laufe der Zeit eingeschlichen haben und ein langsameres Tempo als normal erscheinen lassen. Nichtsdestotrotz erhält der erste Satz - und zum Teil auch der letzte - eine Atemlosigkeit, die meines Erachtens nicht zur Spielanweisung &bdquoAllegro" paßt - es ist eher &bdquoAllegro molto con fuoco" oder sogar &bdquoPresto" an einigen Stellen. Das schmälert manchmal ein wenig die Dramatik, die Sonate verliert an Gewicht. Ganz anders stellt sich wiederum der zentrale dritte Satz dar, denn Korstick - entgegen den Metronom-Angaben - sehr langsam nimmt (knapp 29 Minuten). Seine formidable Anschlagskultur und ein wohldosierter Pedaleinsatz lassen das Werk jedoch nicht auseinanderfallen und auch in diesem Tempo noch überzeugend wirken.

Der brilliant aufgezeichnete Klavierton sowie das mit einem lesenswerten Interview versehene Booklet runden den Eindruck einer außergewöhnlichen Aufnahme ab. Wenn eine neue, faszinierende Sichtweise dieser Werke auf derartig hohem pianistischen Niveau vorgetragen wird, sollte man sich dies keinesfalls entgehen lassen.
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Eine Rezension von Marcel Bartnik Luxemburg
vom 8. Mai 2004
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Diabelli Variationen Op. 20/+ ~ Michael Korstick (Künstler), Beethoven/Haydn (Komponist)
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